Das Grenzbeziehen PDF Drucken E-Mail

marsch-grenzbeziehnEin Jahrhunderte alter Brauch
Eine so alte und historisch gewachsene Tradition wie das "Grenzbeziehen" ist anscheinend einmalig im Deutschen Schützenwesen. Seit dem Jahre 1547 urkundlich nachweisbar und nie ganz erloschen, wird dieses Brauchtum noch in den heutigen Jahren gepflegt. Etwa um 1250 siedelten sich Bürger aus dem Umfeld des Klosters Oldenstadt, zwischen dem Wasserlauf der Ilmenau und einer großen Waldung an. Hier waren ideale Lebensbedingungen gegeben. Wasser, Holz und Wild gab es reichlich. Ab 1269 standen Stadt und Gemarkung Uelzen unter der Herrschaft des Welfenhauses, dem Stammgeschlecht "Heinrichs des Löwen".

Nach Verleihung der Stadtrechte durch Herzog Johann von Braunschweig-Lüneburg im Jahre 1270 wurden den Bürgern der neuen Stadt "Ullessen" auch das Jagd- und Holzungsrecht in dem "Loewenwald" westlich der nunmehr bereits befestigten Stadt gewährt. Dieses Nutzungsrecht war mitentscheidend für die Versorgung der damals circa achthundert Bürger mit Wildpret, Bau- und Feuerholz, sowie für den gewerblichen und persönlichen Bedarf. Später wurde die Stadt Eigentümerin der Stadtwaldländereien.

Die damaligen Grenzen dieses Gebietes machte man durch markante Bäume, Erdhügel und große Steine, den sogenannten Schnedesteinen, den Nachbarn sichtbar. Das Wort "Schnede" leitet sich aus dem Althochdeutschen ab: "Snee, auch Snede, Sneegde, Schneegde" = Schneide - Schneise - Grenze, sie trennte die Flurstücke. Der Wild- und Holzreichtum war den im Süden und Westen angrenzenden Adligen und Dorfbewohnern ein willkommener aber auch lebensnotwendiger Anlaß für Übergriffe auf die reichlich vorhandenen Bestände.

Es gab immer wieder Grund zu Klagen und Prozessen um Verletzungen und Veränderungen der Grenzmarkierungen und der städtischen Rechte. Auch an der nördlichen Grenze gab es Händel mit den Anrainern, jedoch mit nicht so gravierenden Eingriffen. Bereits im 15. Jahrhundert wird von Reibereien zwischen der Stadt Uelzen und seinem südlichen Nachbarn aus Veerßen, dem Herrn von Estorff, berichtet, der immer mit seinem "Langen Rohr" im Stadtwald dem Wild nachspürte. In den Jahren 1532 und 1538 wurde Herzog "Ernst der Bekenner" um eine neuerliche Bestimmung der Grenzen gebeten. Es kam jedoch erst 1578 unter Herzog Wilhelm ein neuer Grenzvertrag zustande. Ab jetzt gab es zur Festlegung der Schnede dreiundvierzig Grenzpunkte, die weiterhin nicht unumstritten waren.

Es wurden seit der Stadtgründung und Übertragung der Nutzungsrechte die Kontrollen der Grenzen erforderlich. Man versuchte immer wieder durch Versetzen der Grenzmarkierungen zu Ungunsten der Stadt Gebietsansprüche durchzusetzen. Eine endgültige Grenzfestlegung erfolgte erst 1802 durch die Lüneburger Gemeindeeinheitsteilungsordnung. Die damalige "Bürgerwehr" übernahm im Auftrage der Stadt seit deren Gründung die Aufgabe der Grenzkontrollen.

Aus dem Jahre 1547 wird erstmals in einem noch vorhandenen Schriftstück vom "Grenzbegehen" berichtet. In welcher Abfolge diese Kontrollgänge durchgeführt wurden, ist nicht genau belegt. Es ist allerdings davon auszugehen, daß dieses jedes Jahr einmal zu geschehen hatte. Da die Grenzen sehr lang waren, benötigte man dafür zwei Tage. Es ist überliefert, daß an den Tagen der Grenzüberprüfung die gesamte männliche Bürgerschaft im Alter von 18 bis 50 Jahren verpflichtet war, nach Quartieren und Rotten geordnet, sich an den "Bohlendamm" zu begeben. Hier wurden die Bürger in zwei Gruppen aufgeteilt.

Jede hatte einen bestimmten Abschnitt zu begehen und zu kontrollieren. Was lag näher, als irgendwann dieses "Grenzbegehen" zusätzlich zu einem Fest zu gestalten, mit Vogelschießen -Papagoyenschießen -Königsschießen - Belustigungen, also einem Schützenfest. Ab dem Jahre 1780 gab es das Grenzbeziehen nur noch im vierjährigen Rhythmus. Damit war auch eine Trennung vom jährlichen Vogelschießen vorgegeben. Da die Grenzkontrollen nun mehr und mehr nur noch symbolischen Wert hatten, beschloß die Schützengilde diese von 1894 bis 1914 nur noch alle zehn Jahre durchzuführen.

Anläßlich des Grenzbeziehens 1914 errichtete man im "Großen Buchholz", wo sich im Stadtwald ein ständiger Haltepunkt und Rastplatz des Grenzganges befindet, einen Gedenkstein (Schützenstein). Seine Inschrift lautet: "Grenzbeziehung 1547 -1914 Uelzener Schützengilde". Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 unterbrach durch seine Auswirkungen die Aktivitäten der Gilde bis 1920. Von dem erfolgreichen Ausgang dieses Grenzbeziehens berichtet uns ausführlich das handgeschriebene Buch eines unbekannten Verfassers vom 27. Mai 1920 mit Originaldokumenten, Zeitungsausschnitten und Fotos. Darin sind uns auch noch Originalfestkarten erhalten geblieben. Ein Beschluß legte den Wiederholungsrhythmus des Grenzbeziehens nunmehr auf fünf Jahre fest. Theodor Ernst verfaßte 1925 zum Grenzbeziehen eine Festschrift.

Bedingt durch die Zwangspause während des Zweiten Weltkrieges von 1939 bis 1945 und deren Nachwirkungen, wurde 1950 das erste offizielle Grenzbeziehen durch die englische Besatzungsmacht wieder genehmigt. Unter Umgehung der militärdiktatorischen Verfügung konnten schon in den Jahren ab 1948 erste "Wanderungen und Ausflüge" in den Stadtwald zum Schützenstein und zum Fischerhof unternommen werden. Jeweils am Pfingstmontag, neuerdings nach einem Frühgottesdienst in der St. Marien Kirche, ist Aufstellung und Abmarsch der Schützengilde zum Grenzbeziehen. Eine große Anzahl von Gästen und Schützenvereinigungen begleiten den Schützenausmarsch zum Schützenstein und "Stadthauptmanns Ruh" im Stadtwald unter den "Großen Buchen".

jagen_01Anläßlich der 700-Jahr-Feier der Stadt Uelzen und seiner Gilde im Jahre 1970 war ein großes Programm aufgezogen worden. Mit Überraschungen bei den Grenzbeziehen mußte auch jetzt noch gerechnet werden. So stieß der Zug mitten im Ausmarsch am Bohldamm auf eine Sperre. Bürgermeister und Rat der Gemeinde Veerßen, der alte "Erbfeind", hatten mit Unterstützung durch die Kameraden des Kyffhäuserbundes eine Barriere errichtet. Anstelle eines gewaltsamen Überwindens dieser Blockade begannen "Friedensverhandlungen". Die Uelzer überzeugten ihre streitsüchtigen Nachbarn, daß die Zeit der Trennungen und Fehden vorbei sei. Sie hatten damit Erfolg. Die Veerßer räumten das Hindernis fort und reihten sich in den Zug zum Schützenstein im Stadtwald ein. Seit 1975 wird der sogenannte Grenzmeisterpokal unter den jetzt eingemeindeten Orten und im Stadtgebiet vorhandenen schießsportlichen Vereinigungen ausgeschossen. Hierzu gehören der Schützenverein Holdenstedt, die Schützenkameradschaft Kirch- und Westerweyhe, die Schützengilde Oldenstadt, die Schützengilde der Stadt Uelzen von 1270 e.V. und die Kyffhäuserkameradschaft Veerßen.

Es nehmen jeweils die drei besten Schützen auf der Königsscheibe aus den vergangenen fünf Jahren teil, somit sind es dann fünfundsiebzig Schützen. Der erste Grenzmeister und Pokalgewinner war Oberschütze Bernhard Brandt unserer Schützenkompanie. Annähernd zehntausend Uelzer Schützen, Gäste und Bürger aus nah und fern marschierten im Jahre 1980 zu den Klängen der Glottertaler Trachtenkapelle / Schwarzwald entlang eines Teiles der alten südlichen Grenze zum Schützenstein unter den hohen Buchen im Stadtwald. Unterwegs war jedoch wieder einmal ein Zwangshalt: "Hier stand mal einer -Die Veerßer Raubritter" so die Inschrift auf einem Schild. Der ausgegrabene Grenzstein lag nebenan versteckt im Wald, eine Anspielung auf die früheren Streitigkeiten. "Friedliche" Verhandlungen und ein "Wegezoll" bereinigten sehr schnell diese humorvolle Unterbrechung. Bei herrlichstem Wetter wurde ein sehr schöner Tag unter den hohen Buchen im Stadtwald verbracht. Die Trachtengruppe aus dem Schwarzwälder Glottertal erfreute Schützen und Gäste mit ihren Darbietungen, bis dann auch einige Schützen mit auf die Tanzäche gezogen wurden. Lustig und beschwingt trat man am frühen Nachmittag den Heimweg zum Schützenhaus an. Am Pngstmontag, dem 12. Juni 2000, haben wir traditionsgemäß nach fünf Jahren das Grenzbeziehen begangen.

Die Heimat- und Trachtenkapelle aus Wallgau / Oberbayern hat uns den Weg zum Rastplatz bei den Schützensteinen im Stadtwald, "den Marsch geblasen". Den im Jahre 1914 errichteten Schützenstein ließ die Gilde mit ihrem Wappen und der Jahreszahl 2000 ergänzen. Eine Tafel erläutert außerdem die Bedeutung des Grenzbeziehens. Im Jahr 2005, also genau zum 735-jährigen Bestehen der Stadtrechte Uelzens und seiner traditionsreichen Schützengilde, konnte das einmalige Jubiläum des 275. Grenzbeziehens gefeiert werden. Zu diesem Anlaß wurde ein Treffen der "Ältesten Schützengesellschaften Deutschlands" organisiert. Weit über 3000 Schützen aus der gesamten Bundesrepublik feierten mit den Uelzern dieses Jubiläum.  Neben dem Stadtfest und den Jubiläumsveranstaltungen war natürlich das Grenzbeziehen einer der Höhepunkte. Unter den Klängen der Überlinger Stadtkapelle zogen die Bürger und die Schützen in den Stadtwald, um dort gemeinsam zu feiern.     
Noch heute erinnert ein Schnedestein, der zu diesem Ereignis aufgestellt wurde, gegenüber von „Hauptmannsruh“, an diesen Tag.










Teilen

 

Gilde Uelzen

  • Home
  • Liveberichte
  • Schützenfeste
    • Schützenfest 2011
    • Schützenfest 2010
    • Schützenfest 2009
    • Die alten Seiten
  • Aktuelles
  • Die Gilde
  • Forum
  • Termine
  • Archiv
  • Dokumente
  • Schießsportergebnisse
  • Bilder
  • Uelzen Live
  • Impressum
Fairplay-Design, Internet und IT-Consulting

Ankündigungen

Fairplay-Design